Moderner Ablasshandel mit Klimaschutz-Zertifikaten funktioniert nicht

29.11.2007 - Quelle/Text: World Wide Fund for Nature

Eine Studie im Auftrag des WWF zeigt, dass 40 Prozent der Klimaschutzprojekte in Entwicklungs- und Schwellenländern keine zusätzliche Treibhausgas-Reduktion bewirken. Den Prüf- und Zertifizierungsstellen stellt die Studie ein schlechtes Zeugnis aus.

Öko-Institut kritisiert Zuverlässigkeit von zertifizierenden Unternehmen und formuliert Verbesserungsvorschläge

Kraftwerk
Die CO2 Emissionen der Industrieländer verändern das Klima

Um die im Kyoto-Protokoll vereinbarten Klimaschutzziele zu erreichen, dürfen Industrieländer und Unternehmen mehrere Maßnahmen miteinander kombinieren: Die Emission von Treibhausgasen im eigenen Land senken und zusätzlich einen Teil ihrer inländischen Treibhausgas-Emissionen durch den Kauf von Zertifikaten ausländischer Klimaschutzprojekte in Schwellen- oder Entwicklungsländern kompensieren.

Für diesen Clean Development Mechanism (CDM) genannten Marktmechanismus gibt es zwei Voraussetzungen:

  • Diese ausländischen CDM-Klimaschutzprojekte müssen Emissionen tatsächlich und stärker reduzieren, als dies ohnehin geschehen würde und

  • sie müssen zu einer nachhaltigen Entwicklung des Gastlandes beitragen.

Werden zertifizierte CDM-Projekte diesen Anforderungen in der Praxis gerecht?

Diese Frage hat das Öko-Institut in einer Studie im Auftrag des WWF untersucht. Das Ergebnis:

„Bei der Umsetzung von CDM-Projekten gibt es in Bezug auf ihre Umweltintegrität erhebliche Defizite“, sagt Lambert Schneider, Experte für internationale Klimaschutzpolitik am Öko-Institut und Autor der Studie. „In sehr vielen Fällen ist fraglich, ob die von der UN und dem Gastland geforderten Kriterien tatsächlich erfüllt werden“, bemängelt er.

Nach seiner Analyse liegt das Problem unter anderem bei den Zertifizierungsunternehmen, die prüfen und bescheinigen, ob ein Klimaschutzprojekt als solches genehmigt werden kann.

„Sehr häufig dokumentieren diese Unternehmen zum Beispiel nur lückenhaft, welche der gestellten Anforderungen erreicht werden. Leider stellt sich daher die Frage, wie zuverlässig die Zertifizierer sind“, erläutert der Wissenschaftler und fordert: „Die Umweltintegrität von CDM-Projekten muss unbedingt verbessert werden.“

Vier von zehn Klimaschutzprojekten erfüllen die Anforderungen nicht

Die Untersuchung unter den bisher 800 registrierten Klimaschutzprojekten zeigt, dass die Gastländer selten prüfen, ob ein Projekt zur nachhaltigen Entwicklung beiträgt. Und: 40 Prozent der Projekte wären auch ohne den Verkauf von Zertifikaten realisiert worden, bewirken also keine zusätzliche Treibhausgas-Reduktion.

Weitere 20 Prozent verhindern lediglich das ungehinderte Austreten von Treibhausgasen - etwas, was mit wenig Aufwand erreicht werden kann und in Industrieländern gesetzlich vorgeschrieben ist.

Der WWF verlangt daher, dass solche Projekte ab der zweiten Kyoto-Periode im Jahr 2013 nicht mehr zulässig sein dürfen, damit Entwicklungs- und Schwellenländer einen Anreiz haben, entsprechende Umweltschutzgesetze zu erlassen.

Dazu empfiehlt das Öko-Institut unter anderem

  • klare Vorgaben für Zertifizierungsunternehmen zu entwickeln. Im Falle einer nicht gerechtfertigten Zertifizierung eines Projekts sollten Zertifizierungsunternehmen künftig mit strengen Sanktionen rechnen müssen. Solche Vorgaben sind bisher nur eingeschränkt vorhanden.

  • Die bisherigen Kriterien für die Genehmigung von CDM-Projekten zu verbessern und weiter zu entwickeln, zum Beispiel durch die Festlegung von konkreten Richtwerten für CO2-Einsparungen, die erreicht werden müssen.

  • Das Klimaschutzinstrument CDM im Rahmen eines Klimaschutzregimes für die Zeit nach 2012 so zu gestalten, dass nicht einzelne Projekte genehmigt, sondern Ziele für ganze Industriesektoren festgelegt werden.


Der WWF hatte zusammen mit anderen Organisationen die aufgetauchten Probleme frühzeitig vorausgesehen und den so genannten „Gold Standard“ entwickelt, der heute ein zwingendes Qualitätszeichen für Klimaschutz-Projekte sein sollte.

Treibhausgasemissionen stärker im Inland absenken

Aufgrund der ernüchternden Studienergebnisse ruft der WWF Schweiz dazu auf, Treibhausgas-Emissionen primär durch Maßnahmen im Inland zu reduzieren. Als Ausland-Maßnahme sollte die Schweiz vor allem ihre Anstrengungen in den Bereichen Technologietransfer und Entwicklungszusammenarbeit verstärken.

In Österreich gibt es ebenfalls seit längerer Zeit bereits gleich lautende Forderungen.

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